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Auf ein besinnliches Fest! Leider bleibt es oft nicht dabei und es kommt zu Streit am Esstisch

12. Dezember 2022

Marktplatz der Gefühle

Die Feiertage am Jahresende sind traditionell Anlass zum gemeinsamen Schmausen. Häufig kommen dabei neben besonderen Speisen auch Konflikte auf den Tisch. Hanni Rützler über die Psychologie der Festtagstafel.

Andréa hat Geburtstag und freut sich auf die Feier mit der Familie. Ihr Mann bereitet das Essen vor,  beide Söhne samt Anhang sind gekommen. Da erscheint unerwartet auch die älteste Tochter – und die fragile Harmonie gerät schnell ins Wanken. Ein Konflikt nach dem anderen kommt ans Licht.

Cédric Kahns Film Die Familienfeier (2019) ist nur einer von vielen, die das explosive Potential familiärer Festessen zum Zentrum ihrer Geschichte machen. Lang gärende Ressentiments, die beim Zusammensitzen aufbrechen, aktuelle Konflikte wie verdrängte Geheimnisse, die gezielt oder unabsichtlich gelüftet werden, bieten exzellente dramatische Möglichkeiten. In der Realität ist es so dramatisch meist nicht, aber vermutlich erinnern wir uns alle an Situationen, wo eine familiäre Festtagstafel ins Wanken geriet, die Stimmung zu kippen drohte und das eigentliche Ziel – die Gemeinsamkeit feiern,  sich an den Speisen und Gesprächen erfreuen – verfehlt wurde. Denn die Festtagstafel ist nicht nur ein Ort für Geselligkeit, sie ist immer auch eine Bühne der Macht und der Repräsentation sowie eine Projektionsfläche unserer Wünsche und Sehnsüchte. Oder, wie der dänische Familientherapeut Jesper Juul einmal sagte: „der Marktplatz der Gefühle und Konflikte“, die Agora, auf der verhandelt wird, auf der Kompromisse gesucht und im besten Fall gefunden werden.

Gemeinsames Essen, darin sind sich Psychologinnen, Ethnologen und Soziologinnen weitgehend einig, ist das Rückgrat des menschlichen Miteinanders. Nichts verbindet uns mehr. Das ausgiebige, festliche Schmausen an Feier- und Jahrestagen, zu Weihnachten, bei Hochzeiten, Geburten oder Begräbnissen ist vielleicht eines der letzten und stabilsten Rituale in einer Zeit, in der, wie der Philosoph Byung-Chul Han beklagt, Rituale mehr und mehr verschwinden, jene „Symbole der Wiedererkennung“, die unser Leben stabilisieren, ihm Struktur verleihen und uns – vor allem in Zeiten großer Verunsicherung – Halt geben.

So ist es kein Wunder, dass das gemeinsame Essen während der Corona-Pandemie für viele wieder wichtiger geworden ist und mit mehr Bedeutung aufgeladen wurde. Dabei geht es ja nicht nur um Nahrungsaufnahme, wir versichern uns auch der Verbundenheit und des wechselseitigen Vertrauens, verinnerlichen nicht zuletzt die Regeln des Zusammenlebens und verständigen uns über unsere Werte. Dabei zählen nicht bloß Tischsitten, es geht um Gebräuche und Normen, um den „sozialen Geschmack“, den wir auch an der Festtagstafel entsprechend inszenieren.

Dass Gemeinschaft stiftende Normen und Werte heute mehr denn je auf dem Prüfstand stehen, lässt sich gerade am Esstisch deutlich sehen. Wurde das Menü – insbesondere bei religiösen Festen – lange Zeit nicht hinterfragt, so spiegelt sich in der Planung der Speisen heute die „kulinarische Individualisierung“, die nicht nur sensorisch in bestimmten Vorlieben oder Unverträglichkeiten, sondern immer mehr in unterschiedlichen Weltsichten zum Ausdruck kommt. Nicht nur das alltägliche Essen, auch die Speisenfolge an Festtagen muss nun immer wieder neu verhandelt werden.

Da der Braten nicht bei allen auf Zustimmung stößt (Fleisch), da Erdbeeren an Weihnachten für manche tabu sind (Klima), die Gänseleber sowieso (Tierqual), aber auch Soja (Regenwald) und Avocado (Wasserverbrauch), muss bei der Menüplanung heute oft mehr berücksichtigt werden als nur die Sitzordnung. Es bedarf nicht zuletzt einer grundlegenden Neukalibrierung unserer Vorstellungen von einem festlichen Menü, das auch ohne traditionelle Luxusprodukte festlich sein kann und Connoisseurship anders konnotiert.

 „Das meiste, was Menschen an sozialen Vorstellungen und Umgangsformen haben“, so die Historikerin Eva Barlösius, „ist mit Mahlzeiten verbunden und wird durch sie weitergegeben“: Gerechtigkeit (wer bekommt wieviel?), Hierarchie und Macht (wessen Vorlieben werden berücksichtigt?), Respekt (geht man auf die anderen ein?) und Verantwortung gegenüber unserer Umwelt und den kommenden Generationen (ist Fleischessen noch ethisch vertretbar?). Am Esstisch sind vor allem für die jüngeren Generationen auch immer die großen gesellschaftlichen Fragen präsent. Das kann sogar dazu führen, dass ein Outing weniger Konfliktstoff liefert als ein radikales Bekenntnis zum Veganismus.

Ob und wie (gut) Konflikte beim Festtagsessen vermieden oder konsensual aufgelöst werden können, das heißt, wie resilient die Tischgemeinschaft ist, hängt vor allem davon ab, wie viel wir über die Geschichte unserer Familie, ihre Erfahrungen, Werte, Traumata, ihr Glück und Unglück wissen. Ein Wissen, das besonders am (alltäglichen) Esstisch weitergegeben wird. Was die Resilienz letztlich stärke, sei das „intergenerationelle Selbst“, so der US-amerikanische Psychologe Marshall Duke, „das Gefühl mit Menschen anderer Generationen verbunden zu sein“, das durch das Erzählen von Familiengeschichten entstehe.

Die familiären Festtagstafeln sind die immer seltener werdenden Gelegenheiten, bei denen Kinder, Eltern, Groß- und mitunter auch Urgroßeltern zusammenkommen; Menschen aus unterschiedlichen Generationen, die sonst oft nur in ihren Communitys und Social-Media-Blasen miteinander kommunizieren. Die Festtagstafel führt sie (wieder) zusammen; sie bringt – wie zerbrechlich auch immer – ein Bündnis, im familiären Kontext wie auch im gesellschaftlichen und politischen. Gemeinsames Essen bietet selbst genug Gesprächsstoff, um Konversation in Gang zu bringen, und es fördert, auch wenn Konflikte entstehen, das Verständnis – vorausgesetzt, die Menschen am Tisch wollen sich wirklich austauschen.

 

Der Essay von Hanni Rützler ist zuerst in „Psychologie heute“ erschienen.

Literatur:

Harro Albrecht u. a.: Zu Tisch! Die Zeit,32, 2019
Eva Barlösius: Soziologie des Essens. Beltz, Weinheim 2016
Jennifer G. Bohanek u. a.: Family narrative interaction and children’s sense of self. Family Process, 45/ 1, 2006, 39–54. DOI: 10.1111/j.1545-5300.2006.00079.x
Byung-Chul Han: Vom Verschwinden der Rituale: Eine Topologie der Gegenwart. Ullstein, Berlin 2019
Jesper Juul, Hanni Rützler: Mahlzeit! Gemeinsam essen tut Familien gut (DVD). Renate Götz Verlag, Dörfles 2012
Hanni Rützler: Kinder lernen Essen – Strategien gegen das Zuviel. Pädiatrie & Pädologie, 42, 2007, 20–25 DOI: 10.1007/s00608-007-0022-4
Hanni Rützler, Wolfgang Reiter: Muss denn Essen Sünde sein? Orientierung im Dschungel der Ernährungsideologien. Brandstätter, Wien 2015

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